Frequently Asked Questions

Wie ist es möglich, dass sich eine Frau „schwul fühlt“ und ein Mann lesbisch?

Ehrlich gesagt habe ich keine Ahnung, WIE es möglich ist. Alles, was ich weiß, ist: Es IST möglich. Sex (körperliches Geschlecht) und gender (soziales Geschlecht) sind nicht abhängig voneinander. Und auch die sexuelle Orientierung/ Identität ist unabhängig von den beiden. 

Vielleicht ist es jetzt einfach an der Zeit neben der Akzeptanz von a) Homosexuellen b) Bisexuellen und c) Transgender, auch zu akzeptieren, dass es sehr vieles „dazwischen“ gibt.

 

Sind Girlfags und Guydykes trans?

Ich habe auf dieser Seite mehr dazu geschrieben.
Kurze Antwort von Paul'a: 

Viele GF/GD sind cis, aber es gibt auch nicht wenige GF/GD, die trans, non-binary oder questioning sind. Viele verstehen GF/GD als Spektrum zwischen cis, trans, homo und hetero. Für einige sind die Identitäten sogar eigene Gender.

 

Okay, einige GF/GD sind also non-binary. Aber wieso nutzt ihr dann Begriffe, die so stark ein Geschlecht suggerieren, wie „girl“ und „guy“?

Identität ist eine komplizierte Sache und die Vielfalt nicht-binärer Geschlechter ist auch nicht zu unterschätzen. So gibt es genderqueere Menschen, die neutrale Pronomen verwenden, andere tun dies nicht. Einige non-binary GF/GD nutzen die Bezeichnungen, obwohl sie sich mit dem „girl“ und „guy“ nicht wirklich anfreunden können, andere identifizieren sich zu hohem Anteil mit „girl“ oder „guy“, wenn auch nicht ausschließlich. Wieder andere sind bigender und verstehen z. B „guy“ als Marker für männlich und „dyke“ als Marker für weiblich, zusätzlich zur sexuellen Orientierung. Wie nicht-binäre GF/GD mit ihrer Identität umgehen, wie sie die Bezeichnungen verwenden und deuten, ist individuell verschieden. Klar ist jedoch: Es ist kein Widerspruch einerseits ein nicht-binäres Geschlecht zu haben und andererseits scheinbar binäre Begriffe für sich zu nutzen.

 

Aber als GF/GD ist doch Liebeskummer und Ablehnung vorprogrammiert!

Das ist nur die halbe Wahrheit, da es vielen GF/GD eher darum geht wie sie ein_e potenzielle_r Partner_in wahrnimmt und begehrt, als wie sich die Person identifiziert. Außerdem können GF/GD außer auf schwule Männer und lesbische Frauen auch auf weitere Geschlechter und Typen von Menschen stehen. Es gibt GF/GD, die mit (anderen) nicht-binären Menschen zusammen sind. Es gibt Girlfags, die mit bisexuellen Männern und Guydykes, die mit bisexuellen Frauen zusammen sind und, dass Girlfags Beziehungen mit schwulen Männern oder Guydykes Beziehungen mit Lesben führen, kommt auch vor, selbst wenn es unwahrscheinlich klingt. Es sollte nicht unerwähnt bleiben, dass es durchaus Anziehung zwischen Menschen geben kann, die sich mit der sexuellen Identität zu widersprechen scheint: Lesben, die BDSM-Sessions mit schwulen Männern haben sind z. B gar nicht so selten und auch zwischen heterosexuellen Frauen und schwulen Männern können erotische und/oder romantische Spannungen entstehen.

Außerdem gibt es Girlfags, die sich zu anderen Girlfags hingezogen fühlen oder Girlfags, die mit Guydykes zusammen sind.
Ja, GF/GD erfahren Liebeskummer und Ablehnung: Es kann sehr frustrierend sein, eine sexuelle Identität zu haben, die typisches Dating und Kennenlernen so erschwert, doch mit dem Problem stehen GF/GD nicht wirklich allein da.

 

Ist das ein neuer Trend? Oder warum hört man plötzlich ständig von Leuten, die sich als GF/GD bezeichnen?

Die Identitäten gehen auf den Sammelband „PoMoSexuals“ von 1997 zurück. Darin sind Essays von Carol Queen und Jill Nagle über ihr schwules Begehren enthalten. Uns gibt es aber viel länger: Magnus Hirschfeld (1868-1935) hat bereits Frauen beschrieben, die sich „wie ein schwuler Mann fühlen“. So neu ist dieses Konzept also nicht - es gab bisher nur kein Wort dafür. So manche historische Persönlichkeit kann aus heutiger Sicht als Girlfag gelesen werden, z. B Katharine Hepburn oder Carson McCullers. Uli Meyer schreibt in dieser Arbeit mehr dazu.

Man muss sich dessen bewusst sein, dass das Konzept „Homosexualität“ lange nicht existierte. Danach versuchte man, Homosexuelle „zu heilen“ (und teilweise versucht man da heute noch!). Es war nicht vorstellbar, dass romantische Liebe zwischen Menschen desselben Geschlechtes überhaupt möglich war.

Man muss sich bewusst sein, dass Transmenschen als „verrückt“ angesehen wurden/ werden oder Transsexualität als bloßer Fetisch - und so weiter.
Sobald es eine gesellschaftliche Bewegung gab, outeten sich immer mehr Menschen. Es ist dasselbe mit GF/GD. Begriffe wurden geprägt, eine Bewegung gestartet und plötzlich wurde immer mehr Menschen bewusst, was mit ihnen los war. Sie haben endlich bemerkt, dass sie nicht alleine sind. Wenn du Teil der LGBTQ-Szene bist, kennst du dieses Gefühl sicher.

 

Sind Girlfags nicht einfach nur junge, unreife Yaoi-Fangirls?

Ganz einfache Antwort: Nein.

 

Sind Guydykes nicht bloß Cis-Typen, die in FLTI-/Lesben-Räume rein wollen?

Nein, außerdem sind wir nicht alle cis! Es gibt natürlich Cis-Guydykes, aber diese suchen in der Regel keine FLTI-/Lesben-Räume (FLTI: Frauen, Lesben, trans, inter) auf, weil sie den Ausschluss von Cis-Männern respektieren. Sie gehen eher auf offene, queere/ schwul-lesbische Veranstaltungen.
Hinter dieser Frage steckt meistens die Vorstellung von Spannern oder sexistischen Typen, die nach einer Entschuldigung suchen, um sich an Lesben ranzuschmeißen. Allen Guydykes, die ich kenne, ist dieses Vorurteil sehr bewusst, wodurch sie umso vorsichtiger mit ihren Aktivitäten und ihrer Präsenz in queeren/ lesbischen Räumen umgehen.

Auch Guydykes, die non-binary sind, müssen sich diese Frage oft anhören, was sehr verletzend ist, da sie zeigt, dass ihre Geschlechtsidentität nicht ernst genommen wird und non-binary Menschen, die bei der Geburt männlich einsortiert wurden, in FLTI-Räumen oft als potenzielle Gefahr verstanden werden. Wie trans-feindlich das ist, muss hoffentlich nicht weiter erklärt werden.

 

Aber ist das nicht nur ein Fetisch? Macht ihr nicht einen Fetisch aus schwulen Männern und lesbischen Frauen?

Auf der einen Seite, ja: GF/GD finden homosexuellen Sex erotisch und anregend. Aber: Finden Schwule das nicht auch? Und Lesben? Oder Heterosexuelle heterosexuellen Sex? Hast du jemals bemerkt, wie viele verschiedene Magazine, Homepages etc. es für die unterschiedlichsten sexuellen Vorlieben gibt? Also, wo ist das Problem, wenn es wirklich ein paar Hetero-Mädels gibt, die gerne schwulen Sex sehen? Ist das schlimmer, als wenn ein heterosexueller Mann gerne hetero Sex sieht? Oder ein schwuler Mann Homosex - oder gar Heterosex, weil er - wie nicht unbedingt wenige Schwule - auf Hetero-Männer steht? 

Auf der anderen Seite, nein: Wir reduzieren Schwule und Lesben nicht auf ihre sexuelle Orientierung - wenn es das ist, was du unter „Fetisch“ verstehst. Es erregt uns - aber wir reduzieren sie nicht auf diese Rolle.

Und: Es ist nicht NUR sexuell. Natürlich geht es auch um Sexuelles - sowie es auch bei Homo- und Bisexualität um Sexuelles geht (das kann man kaum bestreiten, oder?). Aber es geht nicht NUR darum. Es gibt z.B. auch asexuelle Homosexuelle, Heterosexuelle - und auch GF/GD. Es geht um mehr: Es geht auch darum, zu wem man sich emotional, romantisch hingezogen fühlt. Es geht darum, zu welcher (Sub-)Kultur man gehören möchte und sich zugehörig fühlt. Es geht nicht nur um das Äußere: Auf wen stehe ich, mit wem habe ich Sex, in welcher Gesellschaft oder Subkultur bewege ich mich - es geht auch um das Innere: Die Selbstsicht und ganz wesentlich darum, wie man sich selbst fühlt. Also kurz: Wer bin ICH eigentlich tief drin? Es geht um die Selbstidentität als „schwul“ oder „lesbisch“ (was immer das für den_die einzelne_n heißen mag) und nicht nur darum, wie sich die_der potentielle Partner_in identifiziert.

 

Yaoi lesen, M/M-Filme oder Schwulen/Lesbenpornos schauen oder in eine schwul-lesbische Bar gehen macht euch nicht schwul oder lesbisch...

Stimmt. Es gibt viele Yaoi-Fans, die sich nie als Girlfags bezeichnen würden. Ich persönlich kenne keine Girlfags, die es sich so einfach machen und sagen: „Hey, ich lese gern Yaoi, deshalb bin ich Girlfag“ oder „Ich gehe gern in Schwulenbars - das ist der Grund, warum ich eine Girlfag bin.“

Wir sind nicht GF/GD WEIL wir das tun, sondern genau anders herum: Wir tun es, WEIL wir GF/GD sind. Eine Transfrau ist nicht trans* weil sie Röcke trägt - sie trägt Röcke, weil sie trans ist. Röcke tragen kann also ihr „doing gender“ sein - ein Weg, ihre Geschlechtsidentität auszudrücken und zu leben. Für GF/GD ist der Besuch einer Schwulen/Lesbenbar, das lesen von homoerotischer Literatur oder das Sehen von homosexuellen Pornos ihr „doing sexual identity“ - ein Weg, ihre sexuelle Identität auszudrücken.

 

Schwule und Lesben sind aber nicht alle gleich. Verallgemeinert ihr nicht?

Wir sind uns dessen bewusst, dass nicht alle Schwulen und nicht alle Lesben gleich sind. Genauso wenig sind es alle Girlfags und Guydykes. Es gibt Guydykes, die man als „Lipstick Lesbian“ bezeichnen könnte und/oder eher auf eben diese „Lipstick Lesbians“ stehen. Und dann gibt es die, die eher butch sind und/oder sich für Butches interessieren. 

Auch unter den Girlfags findet man die, die sich für Twinks, Bears, Tunten oder Drag Queens interessieren - oder eher für die Typen, die mehr „straight acting“ sind. Manche Girlfags sind optisch von Butch-Lesben nicht wirklich zu unterscheiden, manche binden ihre Brust, wähernd andere eher „flamboyant“ und/oder „klassich feminin“ auftreten.

Manche GF/GD interessieren sich überhaupt nicht für diese „Signale“ der LGBTQ-Szene, für sie geht es einfach um die Dynamik einer romantischen/erotischen Beziehung zwischen Menschen desselben Geschlechtes.

Also: Manche GF/GD verallgemeinern sicher - wir sind auch nur Menschen. Aber auch viele Menschen aus der LGBTQ-Szene verallgemeinern GF/GD.

 

„Fag“ ist ein Schimpfwort. Warum benutzt ihr es?

Ja, „Fag“ (engl. für „Schwuchtel“) ist ein Schimpfwort. Aber auch ein Geusenwort. Mehr dazu habe ich hier geschrieben.
Eine andere gute Auseinandersetzung mit dem Thema gibt es hier.

 

Wenn ihr als Frauen auf Männer steht oder als Männer auf Frauen, seid ihr einfach heterosexuell!

Richtig, und jemand, der mit zwei XX-Chromosomen geboren wurde, ist zwangsläufig weiblich, nicht wahr? Nicht? Oh... merkst du was?

Nach der landläufigen Definition von Heterosexualität sind viele - wenn nicht sogar die meisten - GF/GD heterosexuell, ein großer Teil ist aber auch bisexuell, pansexuell usw. und nicht alle Girlfags und Guydykes sind Frauen oder Männer.

Diese landläufige Definition besagt, dass ein Mensch des einen Geschlechtes, der ausschließlich auf Menschen des „anderen Geschlechtes“ steht, heterosexuell ist.

Hetero- und Homosexualität ist lediglich eine weitere Binarität neben männlich und weiblich. Obwohl viele GF/GD nach der binären Definition als heterosexuell gelten, steht fest, dass diese Definition ihre Gefühle und ihre Selbstidentät nicht abdeckt. So wie die Geschlechter-Binarität die Selbstidentität von Transmenschen nicht abdeckt.

 

Gibt es bekannte Girlfags und Guydykes?

Ja, Girlfags: Janet Hardy, Carol Queen, Jill Nagle, Eve Kosofsky Sedgwick, Anne Rice. Guydyke: Eddie Izzard.