Danke an Melanie!

Eigentlich fing es schon in meiner Kindheit an. Ich war nie ein typisches Mädchen, ich spielte im Kindergarten nur mit Jungs, mochte die kleinen Matchboxautos lieber als Barbies und tollte lieber im Dreck und Matsch herum, anstatt mir vorm Spiegel Kleider anzuziehen. Meine Mutter sagte immer, ich sei schlimmer gewesen als zehn Jungs und als ich zur Kommunion ein Kleid anziehen sollte, gab es einen regelrechten Krieg. Ich machte mir nie Gedanken über mein Geschlecht oder wie ich mich verhalten sollte, ich war einfach so wie ich sein wollte. Anfang meiner Pubertät, so mit 12 Jahren, begriff ich, dass ich charakterlich eher ein Junge war. Auch wenn andere zu mir sagten, ich würde mich benehmen wie ein Junge, erfüllte mich das eher mit Freude statt mit Wut, bestätigte es doch meine Gefühle. Ich fand nie großen Anschluss zu Mädchen. Ihre Gespräche langweilten mich und ich konnte ihren Interessen einfach nichts abgewinnen, die Jungs in der Schule wollten mit mir aber auch nicht befreundet sein, weil sie Angst hatten, dafür ausgelacht zu werden, wenn sie mit einem Mädchen spielten.

Seit Ende meines 14. Lebensjahrs weiß ich, dass ich auf Männerliebe stehe. Auch wenn ich vorher schon immer ein komisches Gefühl hatte, wenn ich bei meinem Freund hinten auf dem Moped sass und sein Hinterteil sich zwischen meine Beine schmiegte, machte ich mir damals keine Gedanken darüber.

Dann sah ich einen Film (Einsam, Zweisam, Dreisam) im Fernsehen, den ich irgendwie toll fand. Es war schon nach 22 Uhr und meine Mutter holte mich vorm Fernseher weg. Es half aber nichts, ich schlich mich einfach ins Wohnzimmer und schaute den Film dort weiter. Erst am Schluss, als der eine Student dem anderen an den Hintern fasste, wusste ich, warum ich mir den ganzen Film reingezogen hatte. Eine Beziehung zu zwei Jungs, fand ich schon damals interessant aber DAS löste noch etwas ganz anderes bei mir aus. Es war als ob man einen Vorhang von etwas lüftete, das bereits schon die ganze Zeit da war, man es aber einfach nicht sehen konnte.

Ich redete mit niemandem darüber, dass ich es scharf finde, wenn zwei Jungs zärtlich zueinander sind, es war mir peinlich und ich hatte Angst ausgelacht und genauso wie ein Schwuler diskriminiert zu werden. Wahrscheinlich wäre das bei meinem damaligen, schwulenfeindlichen Umfeld auch genau so passiert.

Die Zeit verging und mit ihr auch meine Beziehungen. Ich hatte viele Freunde und weil mir immer irgendetwas fehlte, hielten die Beziehungen auch nie sehr lange. Selbst bei Jungs in die ich wirklich sehr verliebt war und für die ich alles tat, spürte ich immer eine gewisse Leere, die ich aber auch nicht genau benennen konnte.

Irgendwann wurden die Phantasien von Männern, die Sex miteinander haben, immer intensiver und so begab ich mich ins Internet, um mir einen dieser kurzen, kostenlosen Schwulenpornoclips herunterzuladen. Was ich dort sehen konnte, stieß mich aber eher ab. Die Darsteller waren ziemlich hässlich, unrasiert und grob zueinander. Dies entmutigte mich erst mal so, dass ich keine weiteren Pornos mehr herunterlud. Meine Phantasien hingegen hielten an und ich begnügte mich damit Bilder von schmusenden Männern aus dem Netz zu sammeln. Die Phantasien wurden immer manifester und es kristallisierte sich heraus, dass sie entweder aus MMF bestanden, bei denen die Männer mit mir und auch miteinander Zärtlichkeiten austauschten oder es waren gleich reine MM Phantasien. Versuchte ich mir hingegen eine Frau und einen Mann vorzustellen, konnte mich das nicht erregen. Ich war auch nie ein Freund dieser romantischen Mann/Frau-Poster, eins mit zwei Männern hingegen suchte ich händeringend vergebens.

Schließlich geschah es dann einige Monate nach meinem 18. Geburtstag: Ich war schon eine Zeit lang mit meinem Freund zusammen, den ich „spaßeshalber“ immer wieder beim Fernsehgucken anstichelte, wenn gutaussehende Männer zu sehen waren: „Na, der gefällt dir doch, gib’s doch zu!“ oder auch „Ich werde nicht sauer, wenn du zugibst, dass du auf den stehst!“ Aber von ihm kam immer nur zurück, dass das voll eklig sei und sein Arsch Jungfrau bleibe.

Da saß dann nun in einer Kneipe der gleiche Mann vor mir, der besagte Sprüche immer dann inbrünstig von sich gab, wenn ich ihm zeigte, dass ich seiner evtl. homosexuellen Seite Tür und Tor offen hielt. Wir waren erst herein gekommen und hatten noch nichts getrunken (es wundert mich bis heute, dass er nüchtern so ein Geständnis aus sich raus brachte), ein lustiges Thema wurde angeschnitten, wir diskutierten nämlich darüber, in wen wir in unserer Schulzeit verliebt waren. Ich erzählte ein paar lustige Sachen und dann fragte ich ihn, wie es denn bei ihm war. Seine kurze Antwort sollte mein gesamtes Bild über ihn ins Wanken bringen. Der „Hardcore-Hetero“, wie ich ihn in meinen Gedanken schon nannte, sollte binnen weniger Sekunden aus meinem Gehirn radiert sein. Ungefähr folgender Satz fiel: „Ich habe mir immer nur die Jungs angeschaut, die Mädchen interessierten mich nicht.“ Er erzählte es so ganz nebenbei, als wäre es das Normalste der Welt (ist es ja eigentlich auch, wäre er zuvor nicht so homophob gewesen). Ich weiß nicht, wie ich in diesem Moment ausgesehen habe, ich glaube mir fiel die Kinnlade runter, ich weiß es nicht, jedenfalls herrschte erst mal Stille. Meine Gedanken rasten, ich verstand erst gar nicht was er mir damit sagen wollte. „Will er mir damit sagen, dass er früher auf Jungs stand?“ oder „Ist er schwul und will mich nicht mehr?“ Ich konnte nicht glauben, dass sich mein Traum so einfach erfüllen sollte, meine Befürchtungen drifteten sogar ins richtig Schlimme ab: „Hoffentlich steht er jetzt auf erwachsene Männer und nicht mehr auf Jungs!“

Ich fragte ihn dann noch etwas aus und zum Glück erwiesen sich all meine Bedenken als falsch. Er war schlicht und einfach bisexuell, ja er stand sogar eigentlich nur auf Männer, ich wäre da eine Ausnahme, er liebe mich eben gerade wegen meinem männlichen Charakter. Ich war absolut platt, ich dachte schon, dass er bestimmt einige Bilder von schmusenden Männern auf meinem Rechner gefunden hatte, somit wusste was mich anturnte und mir deshalb nach dem Mund redete. Ich liess erst mal nicht erkennen, was ich darüber dachte, ich war einfach zu baff. In meinem Kopf suchte ich verzweifelt nach dem Zeitpunkt, an dem er heimlich in meinem Rechner diese Bilder gefunden haben könnte, doch ich fand ihn nicht. Es passte für mich einfach nicht zusammen, denn ich habe ihm geschätzte hundertmal die Möglichkeit gegeben, zu sagen, dass er auf Männer steht, habe es sogar extra als Spaß verkleidet, damit er sich nachher fein rausreden kann, wenn er Angst bekommt.

Es dauerte bis zum nächsten Tag, dann fiel mir ein, wie er sich jetzt fühlen musste. Er wusste schließlich gar nicht, wie ich das finde und ob ich noch weiter mit ihm zusammenbleiben wollte. Also schrieb ich ihm eine SMS, dass ich seine Ehrlichkeit und Vertrauen super finde und dass ich ihn liebe. Ob er dazu steht oder nicht, wusste ich zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht, deshalb hatte ich große Angst, ihm zu sagen, dass mich so was anmacht. Ich befürchtete ihm zu nahe zu treten oder von ihm als krank angesehen zu werden. Dennoch fasste ich mir am nächsten Tag ein Herz und „beichtete“ ihm, dass mich Männer untereinander extrem scharf machen. Man kann sich sicher vorstellen, was dann sexuell folgte. Ich kann nur sagen, dass ich für die geplanten Unternehmungen kein Auge mehr hatte, alles drehte sich nur noch darum, dass mein Freund, der unbekehrbare „Hardcore-Hetero“ bisexuell war. Ich fühlte mich wie auf Drogen, denn ich konnte an nichts mehr anderes denken, alles drehte sich nur noch darum, mein Bild von ihm auf den Kopf zu stellen.

Aber auch sexuell veränderte sich etwas sehr Gravierendes für mich. Durch Rimming und den Sex mit dem Strap On kam in mir ein ganz unbekanntes, sich verzehrendes Verlangen ans Tageslicht. Es war sehr viel animalischer und unkontrollierter als die Lust, die ich beim „Hetero-Sex“ spürte. Jedes Stöhnen von ihm und wenn er mit seinem ganzen Körper nach mehr verlangte, flutete mich mit einem unermesslichen Verlangen. Ich fühlte mich dabei männlich, stellte mir dabei vor ein Mann zu sein und auch wenn er sich dabei ebenfalls vorstellte, ich sei ein Mann, machte mich das unglaublich an. So etwas kannte ich von mir gar nicht. Wieder einmal war ich vollkommen baff. Diese sexuelle Energie war mir fremd, noch nie, selbst wenn ich noch so scharf auf einen Mann war, hatte ich eine derartig starke Lust verspürt. Ich konnte diese Lust nicht nur beim aktiven Verkehr spüren, sondern auch dann, wenn er mich anal nahm. Es machte mich unheimlich an, mir dabei vorzustellen sein Freund, anstatt seine Freundin zu sein. Selbst wie ich jetzt gerade darüber schreibe, läuft mir ein wohliger Schauer über den Rücken, wenn ich daran denke, wie er dabei stöhnte, als ich ihn mit dem Strap-On von hinten nahm, es ist einfach unbeschreiblich und es fällt mir schwer diese Gefühle in Worte zu fassen, weil ihnen keines so richtig gerecht wird. Ich grübelte viel darüber nach, woher das kommt und kam schließlich zu dem Schluss, dass es die ganze Zeit schon in mir geschlummert hatte und nur darauf wartete befreit zu werden. Endlich war die Lücke, diese unbenennbare Leere ausgefüllt. Dieses komische, intime Gefühl, wenn sich ein Männerhintern in meinen Schoss schmiegte, hatte nun einen Namen. Äußerlich änderte sich bei mir zwar nichts, ich war nach wie vor eine hübsche junge Frau, zog mich auch immer provokant aufreizend an und genoss die Blicke aber innerlich war in mir ein echtes Feuer entfacht.

Heute bin ich 23 Jahre alt, bin mit diesem bisexuellen „Hardcore-Hetero“ verheiratet und wir leben in dem wahrscheinlich intolerantesten Teil Deutschlands und da wir hier ein Haus und Arbeit haben, kommen wir so schnell hier auch nicht weg.

Dennoch haben wir uns auf die Suche nach einem zusätzlichen Bi-Mann begeben. Am liebsten für etwas Festes zu dritt. Und seitdem suchen wir ihn im Internet – den Bi-Mann, der männliche Frauen und Männer mag.