Hallo, ich bin Ili,

Jahrgang 1984 - und schwul.

Anders als viele Girlfags kann ich nicht von mir behaupten, dass ich "schon immer lieber ein Junge" gewesen wäre. Im Gegenteil - ich mochte es eigentlich, ein Mädchen zu sein. Ich mochte (zumindest die meiste Zeit meiner Kindheit) hübsche Kleidchen und Schühchen. Zum Leidwesen meiner Mutter spielte ich damit dann allerdings lieber im Matsch als mit den Puppen. Trotzdem: Ich war in vieler Hinsicht vielleicht ein untypisches Mädchen - aber ich hatte niemals ein Problem damit, eines zu sein.

 

Dass ich "irgendwie anders" war, das war mir ziemlich schnell klar. Zumindest, dass ich insoweit anders war, dass alles "Schwule" eine ungeheuere Faszination auf mich ausübte. Die einzige Sex-Frage, die meiner Mutter gestellt zu haben ich mich erinnern kann, war: "Mama, wie machen das eigentlich Schwule?"
Als mir mein "Andersein" wirklich bewusst wurde, war ich etwa 15 Jahre alt. Anfangs war es mir ziemlich peinlich. Ich laß heimlich die Beschreibungen der "schwulen Filme" in unserer Fernsehzeitschrift, traute mich aber nicht, sie anzusehen, weil ich dachte, das sei doch irgendwie abartig, sich einen Film nur anzusehen, weil es um Schwule ging. Es dauerte aber nicht lange und ich laß nicht mehr heimlich die Inhaltsangaben, sondern schaute heimlich die dazugehörigen Filme. Aber selbst dabei kam ich mir noch immer komisch vor und konnte nicht verorten, warum mich das alles so interessierte.

Und ich versuchte, es nach Möglichkeit zu verheimlichen. Ich warf mit Begriffen wie "Schwuchtel" nur so um mich - um einerseits dieses verlockende Wort zu verwenden, aber um andererseits doch jedem klarzumachen, dass ich damit nichts zu tun hatte. Es kam mir gar nicht in den Sinn, dass andere das Wort "Schwuchtel" mit mir niemals in Verbindung gebracht hätten. Ich fühlte mich "mitgemeint", auch wenn ich natürlich eigentlich wusste, dass ich als Frau doch nicht schwul sein konnte... In Wirklichkeit hatte ich natürlich nie etwas gegen Schwule - ganz im Gegenteil. Ich beneidete homosexuelle Jugendliche darum, dass sie ihr Coming Out haben konnten. In meinem Tagebuch schrieb ich damals: "Ich würde mich auch so gerne outen! Aber als was denn? Als weiblicher schwuler Hetero?"


Mein erstes Coming Out war das als m/m-Fan (m/m=male/male). Ich traf online zwei Freundinnen, mit denen ich mich darüber austauschen konnte und ich merkte, dass es anscheinend gar nicht so "abartig" oder "seltsam" ist, so etwas zu mögen. Ohne diese beiden Mädels wäre ich sicher nicht so schnell weiter voran gekommen - sie gaben den Ausschlag, dass ich diese meine Vorliebe akzeptieren und annehmen konnte. Im Laufe der Zeit konnte ich das immer besser und letztendlich machte ich daraus auch keinen Hehl mehr.

Fast alles, was mich interessierte war schwul konnotiert. Und was schwul konnotiert war, faszinierte mich. Viele meiner Freunde haben mich gefragt, warum ich mich so sehr für dieses Thema interessierte, aber ich konnte es nicht beantworten, ich wusste es selbst nicht genau. Ich sagte, ich fände "Schwule halt geil" oder "es ist eben interessant"; beides stimmte, aber das war nicht alles. Irgendwie war da MEHR! Auch wenn ich dieses MEHR nicht definieren konnte.


Eine Weile glaubte ich felsenfest, dass ich irgendwann feststellen würde, dass ich eigentlich auf Frauen stehe. Ich war eine Frau und fühlte "homosexuell" - also musste ich doch lesbisch sein?

Als ich feststellen musste, dass ich wohl doch nicht mehr lesbisch werden würde, dachte ich, dass ich vielleicht transsexuell sein könnte. Wollte ich vielleicht lieber ein Mann sein? Ja, irgendwie schon, ... manchmal... aber - eigentlich war ich immer gerne eine Frau. Ich mochte meine Weiblichkeit, ich mochte meinen weiblichen Körper - je länger je mehr.

Im Laufe der Zeit fand ich mich damit ab, dass ich "irgendwie queer" war.

 

Erst im August 2007 machte es plötzlich "klick": "Natürlich! Du bist schwul! So einfach ist das!" Und plötzlich war alles logisch und ergab Sinn. Nein, nicht nach den landläufigen Definitionen, sondern nach meiner Selbstsicht, nach meinen Gefühlen und Ansichten. Schließlich dachte ich mir: Völlig egal, was andere davon halten. Wenn sie der Ansicht sind, es gäbe keine schwulen Frauen - du bist der lebende Beweis dafür, dass es sie gibt.
Aber gab es noch mehr? Noch mehr Frauen, die schwul fühlten, ohne, dass sie sich selbst als TransMann definierten? Schon vorher hatte ich mir immer wieder die Finger wundgegooglet nach "schwule Mädchen". Das einzige, worauf ich stieß war immer wieder und immer wieder aufs Neue der Song von Fettes Brot, der mir allerdings auch nicht wirklich weiterhalf. Mehr von meiner Sorte schien es nicht zu geben! Was Google nicht findet, existiert auch nicht! Und schwule Mädchen fand es nicht!


Die große Erlösung kam schließlich im März 2008, als ich einfach mal "schwule Frauen" in die Suchmaschine eintippte und auf das hier stieß.

Ein Artikel von Uli Meyer über GirlFags und Trans*Fags, also schwule Frauen und schwule Transgender. Ich war total aufgewühlt, als ich ihn gelesen hatte. Es war also wirklich möglich - es gab sogar noch mehr von meiner Sorte! Und in den USA hatten sie sich schon in yahoo- und Livejournal-Gruppen zusammengeschlossen! Allerdings waren diese Gruppen nur zu finden, wenn man nach "GirlFags" suchte, ein Begriff, von dem ich bis März 2008 noch nichts gehört hatte.

Wieso konnte man nichts finden, wenn man "schwule Mädchen" eingab oder  "schwule Frauen"? Ich überlegte, ob vielleicht noch mehr "da draußen" herumsurften und Google befragten, ob sie existierten, so wie sie es sich vorstellten. Deshalb diese Seite - in der Hoffnung, die ein oder andere möge sich hierher verirren und - etwas früher als ich - erkennen (um es mit den Worten von Uli Meyer zu sagen), "dass es sie, so wie sie eben sind, gibt und geben darf."

Queer femininity

girlfag, flamboyant gay man trapped inside a woman's body

Wie ich oben schrieb, glaubte ich eine Weile, ich müsste wohl transsexuell sein - bloß um zu bemerken, dass ich meine Weiblichkeit und meinen weiblichen Körper immer lieber mochte, je älter ich wurde.

 

Inzwischen glaube ich, ich liebe meine Weiblichkeit v.a. um ihrer Ästhetik willen, so wie vielleicht eine Dragqueen Weiblichkeit liebt oder ein schwuler Modedesigner. Aber ich bin ziemlich glücklich damit, dass es meine Weiblichkeit und die Ästhetik meines Körpers ist - und nicht die eines anderen. Ich fühlte mich dieser Weiblichkeit auch immer verbunden. Sie war nie ein Fremdkörper oder etwas Störendes. Deshalb sehe ich auch keinen Grund, warum ich mich als transgender bezeichnen sollte.

Oft wurde ich kritisch beäugt dafür, dass ich zwar von mir sagte, ich sei "ein schwuler Mann im Körper einer Frau", aber äußerlich so weiblich aussah und mich auch sehr weiblich kleidete. So - mit meinem fast schon "heteronormativen Stil" -  wurde ich nicht wirklich als "queer" anerkannt - man erwartete von mir irgendwie, dass ich androgyner auftrat. Dabei war es genau so, dass ich mich umso schwuler fühlte, je mehr ich mich aufbretzelte. Wenn ich ein männliches Pendant nennen müsste, würde ich Emmett Honeycutt (aus Queer as folk) oder Mark St. James (aus Ugly Betty) nennen. Ich bin also eigentlich im wahrsten aller Wortsinne eine "female fag".

 

Zweitautor'in Paul'a


Hey, ich bin Paul'a!

 

Ili hat mir erlaubt diese Seite mit Updates zu füttern, ein wenig zu gestalten und Texte reinzustellen, worüber ich mich sehr freue. :)
Meine ganze Girlfag-Story könnt ihr hier nachlesen. Ich bin Jahrgang 1990, bisexuell und non-binary: Bislang passt (cis)genderfluid am besten als Bezeichnung. (Pronomen: sie) Äußerlich bewege ich mich irgendwo zwischen knabenhaft, goth, Möchtegern-Tunte und Cupcake-Femme. ;) Ich identifiziere mich seit ca. zwei Jahren als Girlfag: Die großartige GF/GD-Ausgabe der Queerulant_in konnte Licht ins Dunkel bringen! Seitdem habe ich beim Berliner Bi-Camp 2014 recht spontan einen GF/GD-Workshop gehalten, aus dem der regelmäßige Berliner Stammtisch hervor ging. 

Ich bin freie Autor'in, blogge gern und befasse mich mit intersektionalem Feminismus, Kreativem Schreiben und Kurzfilm.